JOHANN-PETER-ECKERMANN-REALSCHULE

WINSEN (LUHE)

Frühlingsgedichte

Eduard Mörike (1804 - 1875)

Er ist's

Frühling lässt sein blaues Band

Wieder flattern durch die Lüfte;

Süße, wohl bekannte Düfte

Streifen ahnungsvoll das Land.

Veilchen träumen schon,

Wollen balde kommen.

- Horch, von fern ein leiser Harfenton!

Frühling, ja du bist's!

Dich hab' ich vernommen!

 

 

 

Ludwig Uhland (1787 - 1862)

Frühlingsglaube

Die linden Lüfte sind erwacht,

Sie säuseln und weben Tag und Nacht,

Sie schaffen an allen Enden.

O frischer Duft, o neuer Klang!

Nun, armes Herze, sei nicht bang!

Nun muss sich alles, alles wenden.

 

Die Welt wird schöner mit jedem Tag,

Man weiß nicht, was noch werden mag,

Das Blühen will nicht enden.

Es blüht das fernste, tiefste Tal;

Nun, armes Herz, vergiss der Qual!

Nun muss sich alles, alles wenden.

 

 

 

Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832)

Osterspaziergang

(aus Faust I, Vor dem Tor)

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche

Durch des Frühlings holden, belebenden Blick;

Im Tale grünet Hoffnungsglück;

Der alte Winter, in seiner Schwäche,

Zog sich in raue Berge zurück.

Von dorther sendet er, fliehend, nur

Ohnmächtige Schauer körnigen Eises

In Streifen über die grünende Flur;

Aber die Sonne duldet kein Weißes,

Überall regt sich Bildung und Streben,

Alles will sie mit Farben beleben;

Doch an Blumen fehlt's im Revier,

Sie nimmt geputzte Menschen dafür.

Kehre dich um, von diesen Höhen

Nach der Stadt zurückzusehen.

Aus dem hohlen, finstern Tor

Dringt ein buntes Gewimmel hervor.

Jeder sonnt sich heute so gern.

Sie feiern die Auferstehung des Herrn,

Denn sie sind selber auferstanden,

Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,

Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,

Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,

Aus der Straßen quetschender Enge,

Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht

Sind sie alle ans Licht gebracht.

Sieh nur, sieh! wie behänd sich die Menge

Durch die Gärten und Felder zerschlägt,

Wie der Fluss in Breit' und Länge

So manchen lustigen Nachen bewegt,

Und bis zum Sinken überladen

Entfernt sich dieser letzte Kahn.

Selbst von des Berges fernen Pfaden

Blinken uns farbige Kleider an.

Ich höre schon des Dorfs Getümmel;

Hier ist des Volkes wahrer Himmel,

Zufrieden jauchzet Groß und Klein:

Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!

 

 

 

Volkslied

Nun will der Lenz uns grüßen

Nun will der Lenz uns grüßen,

von Mittag weht es lau;

aus allen Wiesen sprießen

die Blumen rot und blau.

Draus wob die braune Heide

sich ein Gewand gar fein

und lädt im Festtagskleide

zum Maientanze ein.

 

Waldvöglein Lieder singen,

wie ihr sie nur begehrt;

drum auf zum frohen Springen,

die Reis' ist Goldes wert.

Hei, unter grünen Linden,

da leuchten weiße Kleid!

Heija, nun hat uns Kinden

ein End all Wintersleid.

 

 

 

Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798 - 1874)

(nach einem Volkslied)

Die Gedanken sind frei

Die Gedanken sind frei,

wer kann sie erraten?

Sie fliegen vorbei

wie nächtliche Schatten.

Kein Mensch kann sie wissen,

kein Jäger erschießen,

mit Pulver und Blei.

Die Gedanken sind frei!

 

Ich denke, was ich will

und was mich beglücket,

doch alles in der Still',

und wie es sich schicket.

Mein Wunsch und Begehren

kann niemand verwehren,

es bleibet dabei:

Die Gedanken sind frei!

 

Und sperrt man mich ein

im finsteren Kerker,

das alles sind rein

vergebliche Werke,

denn meine Gedanken

zerreißen die Schranken

und Mauern entzwei:

Die Gedanken sind frei!

 

Drum will ich auf immer

den Sorgen entsagen,

und will mich auch nimmer

mit Grillen mehr plagen.

Man kann ja im Herzen

stets lachen und scherzen

und denken dabei:

Die Gedanken sind frei!

 

 

 

Hermann Löns (1866 - 1914)

Frühling

Hoch oben von dem Eichenast

Eine bunte Meise läutet

Ein frohes Lied, ein helles Lied,

Ich weiß auch, was es bedeutet.

 

Es schmilzt der Schnee, es kommt das Gras,

Die Blumen werden blühen;

Es wird die ganze weite Welt

In Frühlingsfarben glühen.

 

Die Meise läutet den Frühling ein,

Ich hab' es schon lange vernommen;

Er ist zu mir bei Eis und Schnee

Mit Singen und Klingen gekommen.

 

 

 

Arno Holz (1863 - 1929)

 

Abklingendes Aprilgewitter

 

Aus grauem Himmel

sticht die Sonne.

 

Jagende Wolken, blendendes Blau!

Ins grüne Gras greift der Wind, die Silberweiden sträuben sich.

 

Plötzlich - still.

 

Auf einem jungen Erlenbaum

wiegen sich blinkende Tropfen!

 

 

 

Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832)

Gefunden

Ich ging im Walde

So für mich hin,

Und nichts zu suchen,

Das war mein Sinn.

 

Im Schatten sah ich

Ein Blümchen stehn,

Wie Sterne leuchtend,

Wie Äuglein schön.

 

Ich wollt es brechen,

Da sagt es fein:

Soll ich zum Welken

Gebrochen sein?

 

Ich grub's mit allen

Den Würzlein aus.

Zum Garten trug ich's

Am hübschen Haus.

 

Und pflanzt es wieder

Am stillen Ort;

Nun zweigt es immer

Und blüht so fort.

 

 

 

Theodor Storm (1817 - 1888)

Die Nachtigall

Das macht, es hat die Nachtigall

Die ganze Nacht gesungen;

Da sind von ihrem süßen Schall,

Da sind in Hall und Widerhall

Die Rosen aufgesprungen.

 

Sie war doch sonst ein wildes Blut

Nun geht sie tief in Sinnen,

Trägt in der Hand den Sommerhut

Und duldet still der Sonne Glut

Und weiß nicht, was beginnen.

 

Das macht, es hat die Nachtigall

Die ganze Nacht gesungen;

Da sind von ihrem süßen Schall,

Da sind in Hall und Widerhall

Die Rosen aufgesprungen.