JOHANN-PETER-ECKERMANN-REALSCHULE

WINSEN (LUHE)

Sommergedichte

Marie von Ebner-Eschenbach (1830 - 1916)

Ein kleines Lied

Ein kleines Lied. Wie geht's nur an,

Dass man so lieb es haben kann,

Was liegt darin? Erzähle!

 

Es liegt darin ein wenig Klang,

Ein wenig Wohllaut und Gesang

Und eine ganze Seele.

 

 

 

Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832)

Gefunden

Ich ging im Walde

So für mich hin,

Und nichts zu suchen,

Das war mein Sinn.

 

Im Schatten sah ich

Ein Blümchen stehn,

Wie Sterne leuchtend,

Wie Äuglein schön.

 

Ich wollt es brechen,

Da sagt es fein:

Soll ich zum Welken

Gebrochen sein?

 

Ich grub's mit allen

Den Würzlein aus.

Zum Garten trug ich's

Am hübschen Haus.

 

Und pflanzt es wieder

Am stillen Ort;

Nun zweigt es immer

Und blüht so fort.

 

 

 

Joseph von Eichendorff (1788 - 1857)

Mondnacht

Es war, als hätt der Himmel

Die Erde still geküsst,

Dass sie im Blütenschimmer

Von ihm nun träumen müsst.

 

Die Luft ging durch die Felder,

Die Ähren wogten sacht,

Es rauschten leis die Wälder,

So sternklar war die Nacht.

 

Und meine Seele spannte

Weit ihre Flügel aus,

Flog durch die stillen Lande,

Als flöge sie nach Haus.

 

 

 

Annette von Droste-Hülshoff (1797 - 1848)

Der Knabe im Moor

O schaurig ist's übers Moor zu gehn,

wenn es wimmelt vom Heiderauche,

sich wie Phantome die Dünste drehn

und die Ranke häkelt am Strauche,

unter jedem Tritte ein Quellchen springt,

wenn aus der Spalte es zischt und singt,

o schaurig ist's übers Moor zu gehn,

wenn das Röhricht knistert im Hauche!

 

Fest hält die Fibel das zitternde Kind

und rennt, als ob man es jage;

hohl über die Fläche sauset der Wind -

was raschelt drüben am Hage?

Das ist der gespenstische Gräberknecht,

der dem Meister die besten Torfe verzecht;

hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!

Hinducket das Knäblein zage.

 

Vom Ufer starret Gestumpf hervor,

unheimlich nicket die Föhre,

der Knabe rennt, gespannt das Ohr,

durch Riesenhalme wie Speere;

und wie es rieselt und knittert darin!

Das ist die unselige Spinnerin,

das ist die gebannte Spinnlenor',

die den Haspel dreht im Geröhre!

 

Voran, voran! nur immer im Lauf,

voran, als woll es ihn holen!

Vor seinem Fuße brodelt es auf,

es pfeift ihm unter den Sohlen

wie eine gespenstige Melodei;

das ist der Geigemann ungetreu,

das ist der diebische Fiedler Knauf,

der den Hochzeitheller gestohlen!

 

Da birst das Moor, ein Seufzer geht

hervor aus der klaffenden Höhle;

weh, weh, da ruft die verdammte Margret:

"Ho, ho, meine arme Seele!"

Der Knabe springt wie ein wundes Reh;

wär nicht Schutzengel in seiner Näh,

seine bleichenden Knöchelchen fände spät

ein Gräber im Moorgeschwele.

 

Da mählich gründet der Boden sich,

und drüben, neben der Weide,

die Lampe flimmert so heimatlich,

der Knabe steht an der Scheide.

Tief atmet er auf, zum Moor zurück

noch immer wirft er den scheuen Blick:

Ja, im Geröhre war's fürchterlich,

O schaurig war's in der Heide!

 

 

 

Hermann Allmers (1821 - 1902)

Feldeinsamkeit

Ich ruhe still im hohen grünen Gras

Und sende lange meinen Blick nach oben,

Von Grillen rings umschwirrt ohn' Unterlass,

Von Himmelsbläue wundersam umwoben.

 

Und schöne weiße Wolken ziehn dahin

Durchs tiefe Blau wie schöne stille Träume. -

Mir ist, als ob ich längst gestorben bin,

und ziehe selig mit durch ew'ge Räume.

 

 

 

Theodor Storm (1817 - 1888)

Abseits

Es ist so still; die Heide liegt

Im warmen Mittagssonnenstrahle,

Ein rosenroter Schimmer fliegt

Um ihre alten Gräbermale;

Die Kräuter blühn; der Heideduft

Steigt in die blaue Sommerluft.

 

Laufkäfer hasten durchs Gesträuch

In ihren goldnen Panzerröckchen,

Die Bienen hängen Zweig um Zweig

Sich an der Edelheide Glöckchen;

Die Vögel schwirren aus dem Kraut -

Die Luft ist voller Lerchenlaut.

 

Ein halbverfallen niedrig Haus

Steht einsam hier und sonnbeschienen;

Der Kätner lehnt zur Tür hinaus,

Behaglich blinzelnd nach den Bienen;

Sein Junge auf dem Stein davor

Schnitzt Pfeifen sich aus Kälberrohr.

 

Kaum zittert durch die Mittagsruh

Ein Schlag der Dorfuhr, der entfernten;

Dem Alten fällt die Wimper zu,

Er träumt von seinen Honigernten.

- Kein Klang der aufgeregten Zeit

Drang noch in diese Einsamkeit.

 

 

 

Hermann Hesse (1877 - 1962)

August

Das war des Sommers schönster Tag,

Nun klingt er vor dem stillen Haus

In Duft und süßem Vogelschlag

Unwiederbringlich leise aus.

 

In dieser Stunde goldnen Born

Gießt schwelgerisch in roter Pracht

Der Sommer aus sein volles Horn

Und feiert seine letzte Nacht.

 

 

 

Eduard Mörike (1804 - 1875)

Um Mitternacht

Gelassen stieg die Nacht ans Land,

Lehnt träumend an der Berge Wand,

Ihr Auge sieht die goldne Waage nun

Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn.

Und kecker rauschen die Quellen hervor,

Sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr

Vom Tage,

Vom heute gewesenen Tage.

 

Das uralt alte Schlummerlied,

Sie achtet's nicht, sie ist es müd;

Ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch,

Der flüchtgen Stunden gleich geschwungnes Joch.

Doch immer behalten die Quellen das Wort,

Es singen die Wasser im Schlafe noch fort

Vom Tage,

Vom heute gewesenen Tage.

 

 

Georg Trakl (1887 - 1914)

Sommer

Am Abend schweigt die Klage

des Kuckucks im Wald.

Tiefer neigt sich das Korn,

der rote Mohn.

 

Schwarzes Gewitter droht

über dem Hügel.

Das alte Lied der Grille

erstirbt im Feld.

 

Nimmer regt sich das Laub

der Kastanie.

Auf der Wendeltreppe

rauscht dein Kleid.

 

Stille leuchtet die Kerze

im dunklen Zimmer;

eine silberne Hand

löschte sie aus;

 

windstille, sternlose Nacht.